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Ausgewählte Werke von Kathrin Christians

Kathrin Christians

DER ATEM DES LEBENS

Sie atmet ein – sie atmet aus – sie blickt in Richtung Schloss. Tief unter Kathrin Christians Füßen rauscht der Neckar, oben weht der Wind durch ihre Locken. Frisch und kühl umwirbelt er die Passanten auf der Brücke in Heidelbergs Innenstadt.

Windig war es auch damals an der Ostsee: Ich bin gerade zwölf und erst vor kurzem auf Querflöte umgestiegen. Mit den Eltern sind wir bei Freunden zu Gast, deren Sohn Violine studiert. Seine Hingabe und Fokussiertheit beeindrucken mich – das will ich auch. Während unseres Wohnzimmerduetts fasse ich den Entschluss: Ich will Musik machen!

Gespür für mein Publikum und Routine finde ich jeden Sonntag. Mein Spiel ist einem Pianisten aufgefallen und er hat mich eingeladen, mit ihm regelmäßig große Sonaten einzustudieren. Während die anderen noch tief schlafen, nehme ich das Instrument und steige aufs Rad. Sein Flügel steht im Nachbarort, der ist eine halbe Stunde entfernt – am Flussufer entlang, Woche um Woche, bei Wind und Wetter, Jahr für Jahr. Der Applaus gibt mir Rückenwind, auf dem Weg zurück nach hause schwebe ich – wie auf Wolken.“

Noch während der Schulzeit studiert Kathrin Christians Flöte an der Musikhochschule Mannheim, dann geht es erst nach München, später nach Stuttgart. Täglich verbringt sie Stunden damit, an kleinsten Details zu feilen. Übergänge werden perfektioniert, von einem Ton zum anderen, vor und zurück – vor und wieder zurück. Die Hingabe wird belohnt, Bestnote und Auszeichnung von Prof. Davide Formisano. Mit nur 23 Jahren ist sie 1. Soloflötistin der Heidelberger Sinfoniker und des Mannheimer Mozartorchesters.

Kathrin Christians ist viel unterwegs, plötzlich steht sie selbst bei einigen ihrer Lieblingsfestivals auf der Bühne: MDR Musiksommer, Lucerne Festival, Palermo Classica, Festival. Gastspiele in ganz Europa, in weiten Teilen Asiens und Afrikas sorgen dafür, dass sie heute Freundschaften in der ganzen Welt pflegt. Es ist ihre große Offenheit, gepaart mit kraftvollem Spiel und technischer Brillanz, mit der sie weltweit Sympathien gewinnt – auch als Botschafterin der Initiative Musicians for Human Rights, für die sie sich mit großer Leidenschaft engagiert.

Zahlreiche nationale wie internationale Preise säumen Kathrin Christians Weg bis zur Veröffentlichung ihrer ersten CD. Aufgenommen mit dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn unter der Leitung von Ruben Gazarian, erscheint diese 2017 bei Hänssler Classic und wird 2018 mit dem OPUS Klassik ausgezeichnet. Das Programm mit Werken von Feld, Theodorakis und Weinberg ist gewagt und stößt doch einhellig auf den Jubel der Kritiker. Bewunderung erntet die Debütantin besonders für die Tiefe und schillernde Vielfalt an Klangfarben, die sie ihrem Instrument entlockt. Doch fast gleichzeitig mit der Veröffentlichung trifft sie plötzlich der heftige Gegenwind des Schicksals.

Habe ich mir einen Zug geholt, beim Fahren mit offenem Fenster? Mit der Hand ertaste ich meinen Nacken. Die Verspannung strahlt bis ins Gesicht – Taubheit schießt in den Arm. Ist ein Nerv eingeklemmt? Plötzlich verliere ich die Kontrolle über die gesamte Körperhälfte. Ob Schlucken, Atmen oder Sehen: Nichts funktioniert. Es fühlt sich wie Sterben an.

Diagnose: Schlaganfall. Für die meisten Menschen bedeutet sie das Ende der beruflichen Laufbahn, für manche den Tod. Doch Kathrin denkt schon am ersten Morgen wieder nur an die Musik. Mit voller Entschlossenheit bestreitet sie das Reha- Programm. Schritt für Schritt findet sie wieder ins Leben. Wie damals übt sie Übergänge, vor und zurück – vor und wieder zurück, immer mit der Querflöte bei der Hand. Und tatsächlich gelingt ihr, was kaum jemand für möglich hält: Sie überwindet die halbseitige Lähmung und steht nach vier Monaten wieder auf der Bühne. Ihr Antrieb ist der unwiderstehliche Sog der Musik, die existenzielle Notwendigkeit, ihren Atmen mit Hilfe des Instruments klingen zu lassen.

Heute steht Kathrin Christians wieder mit beiden Beinen fest im Leben. Ihr zu Füßen rauscht der Neckar und der Wind trägt ihre bewegende Musik hinaus in die Welt.

Text © Andreas Stanita und Tobias Breier